Entwicklungslinien

Dieser Blick (siehe Die inhaltliche Ausrichtung) auf eine Aktualität des (auch hintergründig) Wesentlichen prägte die Wochenzeitung ‹Das Goetheanum› durch Jahrzehnte. Die Anfangszeit charakterisiert Lindenberg folgenderweise (a. a. O., S. 87f.):
«Im ersten Jahrgang stellt sich das ‹Goetheanum› als Zeitschrift vor, die über die allernächsten Tagesereignisse hinweg das Zeitgeschehen verfolgen und Kulturaufgaben erkennen will, die ‹alle Völker angehen und die alle Lebensgebiete betreffen›. [...] Im zweiten Jahrgang ändert sich der Gegenstand der Zeitbetrachtungen: allgemein menschliche Fragen und geschichtliche Betrachtungen treten an die Stelle der Charakteristik der Weltlage. Durch ausführliche Referate der Vorträge Steiners durch Steffen, Emil Leinhas, C. v. Heydebrand und W. J. Stein und auch durch Berichte über anthroposophische Kongresse werden die jeweils neuesten Inhalte der Anthroposophie den Lesern zugänglich gemacht. [...] Ebenso finden sich immer wieder Kennzeichnung und Abwehr der Gegner der Anthroposophie.»

Dieser letzte Gesichtspunkt ist wichtig für eine Einschätzung der Jahrgänge, die ausführlich Referate und Nachdrucke von Vorträgen Rudolf Steiners füllen, denn, wie Lindenberg (a. a. O., S. 88) weiter feststellt:
«Das Blatt verliert durch dieses Übergewicht größter Inhalte den Charakter einer aktuellen Wochenschrift, zumal auch die übrigen Beiträge kein Gegengewicht bilden, sondern sich auch mit historischen oder überzeitlicheren Themen befassen.»

Albert Steffen erklärt dieses Vorgehen des Dokumentierens und Referierens des Wortes Rudolf Steiners (auch nach dessen Tod) gerade mit einer Aufklärungsintention (‹Das Goetheanum› Nr. 33/1941, S. 261):
«Für alle, die Rudolf Steiners Werk und Leben kannten, war es eine Qual zu sehen, wie er mißverstanden und angefeindet wurde. Die Angriffe erfolgten aus unmittelbarster Nähe. Ich hoffte, dem entgegen zu wirken, indem ich ausführliche Referate über Rudolf Steiners laufende Vorträge in der Wochenschrift brachte. Sie fanden seinen Beifall. [...] Heute liegen alle diese Zyklen im Wortlaut vor. Meine Berichte haben ihre Aufgabe erfüllt.»

Doch Steffen selbst gehörte zu denjenigen Autoren, die durchaus Gespür für die Zeitlage hatten. Noch einmal Lindenberg (a. a. O., S. 88):
«Offensichtlich hat sich Steffen die Aufgabe gestellt, inmitten der Wirrnis der Zeit eine innere Oase der Menschlichkeit zu schaffen. Der Gegenwartsbezug tritt nur selten direkt auf, aber es ist zum Beispiel anzumerken, daß Steffen bereits am 7. Juli 1940 und nochmals am 19. Dezember 1943 zur Möglichkeit und Gefahr einer Atombombe Stellung nimmt oder am 26. Dezember 1943 sich eindeutig gegen die ‹Vernichtung lebensunwerten Lebens› äußert.»

Diese Äußerung muß auch vor dem Hintergrund gesehen werden, daß in Deutschland der Nationalsozialismus eine echte Bedrohung des Fortbestehens der Wochenzeitung darstellte. Zweimal wird der Programmtitel ‹Internationale Wochenschrift für Anthroposophie und Dreigliederung› verändert, vermutlich, um die Leser in Deutschland und den von Deutschland besetzten Gebieten nicht zu gefährden.

Friedrich Hiebel, nach Steffen und Paul Bühler dritter Redaktionsleiter, erinnert im ‹Goetheanum› Nr. 1/1971, S. 2, an die Zeitumstände:
«Innerhalb der fünf Jahrzehnte unserer Wochenschrift hat sich in der äußeren Gestaltung manches etwas verändert. Das Wort ‹international› ist seit dem 7. Mai 1933 vom Kopf der Wochenschrift verschwunden und die Bezeichnung ‹Dreigliederung› fehlt seit dem 20. Oktober 1935. Dies vollzog sich im Zusammenhang mit den Zeitereignissen dieser Jahre [unter anderem wurde die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland 1935 verboten]. Sie erinnern uns an die dunkle Epoche von zehn Jahren, in der ein Großteil deutschsprachiger Leser die Zeitschrift nicht zugestellt bekommen konnte. Die Worte ‹international› und ‹Dreigliederung› bleiben im Duktus der Wochenschrift innere Verpflichtung des Geistraums des Goetheanums. Würden sie jetzt wieder von außen eingeführt, so wäre dies doch nur Ausdruck äußerlicher Restaurierung.»

Daß ‹Das Goetheanum› durch die Wirtschaftskrisen, Verbots- und Kriegszeiten existentiell gefährdet war, geht aus den Worten Paul Bühlers (‹Das Goetheanum› Nr. 33/1941, S. 263) hervor:
«Es ging durch diejenigen, die die Herausgabe besorgten, immer ein gewaltiger Schock, wenn für den Versand wieder ein neues Land abfiel. Die Geschehnisse, die der Ungeist verursachte, registrierten sich seismographisch in der Abonnentenzahl. Doch waren immer wieder diese gütigen Helfer bereit, den entstandenen Verlust auszugleichen.»

Auch der Autorenstamm schrumpft zusammen, worauf Lindenberg hinweist (a. a. O., S. 89):
«Die politischen Zeitereignisse bewirken, daß nach und nach alle außer-schweizerischen Autoren keine Möglichkeit mehr haben, ihre Beiträge in die Schweiz zu befördern. Von etwa 1942 bis einschließlich 1945 bestreiten ausschließlich in der Schweiz lebende Autoren den Inhalt der Wochenschrift.»

Mit Friedrich Hiebel tritt 1966 ein Redaktionsleiter an, der nach Lindenberg (a. a. O., S. 90) unter anderem versucht, «durch zahlreiche eigene Beiträge das Zeitgeschehen zu beleuchten:
Automatisierung und Computerisierung, okkulte Bewegungen der Gegenwart (Maharishi und Transzendentale Meditation) und die psychedelische Revolution werden ebenso besprochen wie die Situation auf dem Buch- und Zeitschriftenwerk». Auch die Studentenunruhen werden am Ende der 60er Jahre thematisiert.

Mit Martin Barkhoff (zwischen 1984 und 1995 mit in die Redaktion bis 1995 aufgenommen: Rudolf Bind, Konstanze Brefin Alt, Judith Krischik, Manfred Krüger, Jakob Marti und Amnon Reuveni) tritt 1984 ein Redaktionsleiter an, der der Wochenzeitung ‹Das Goetheanum› ein deutlich zeitgenössisches und kritisches Gepräge gibt. Nach Auseinandersetzungen über Fragen des Verhältnisses von Redaktion und Herausgeber kommt es zu einer Redaktionsneubildung (mit Hans Hasler als Interimsredakteur), die 1996 mit Dietrich Rapp und Martina Maria Sam (diese bis April 1998) ihren Ausgang nimmt und durch Anstellung von Sebastian Jüngel (September 1997), Ursula Remund Fink (April 1998) und Michaela Spaar (August 1998) weitergeführt wurde. Die derzeitige Redaktion (mit Axel Mannigel seit September 2002) hat den Charakter des ‹Goetheanums› deutlich in Richtung Wochenaktualität hin verschoben, publiziert aber auch weiterhin grundsätzlichere Beiträge. Die Redaktion hat außerdem das Layout, die Text- und Zeitungsstruktur weiterentwickelt. Die Arbeitsweise verschiebt sich von einer nahezu reinen publizistischen zur einer eher journalistischen.