Die inhaltliche Ausrichtung

In der ‹Einladung zur Subskription› klang bereits der stark gesellschaftsgestaltende Impuls der Zeitungsgründer an. Und Steffen berichtet vom schon genannten Vortreffen, wie Rudolf Steiner Wert darauf gelegt habe, daß die Wochenzeitung kein Instrument für eine wie auch immer geartete Politisierung sei (‹Das Goetheanum› Nr. 33/1941, S. 260):

«Als mehrere in- und ausländische Journalisten genannt wurden, die, so wurde angenommen, einen politischen Überblick besaßen, wies er [Rudolf Steiner] darauf hin, daß bis jetzt keine Proben vorlägen. Ohne Politik, meinte man, ginge es nicht. Rudolf Steiner aber wollte Politik durch Erkenntnis ersetzt wissen, und was sich aus dieser ergab: die Dreigliederung des menschlichen und sozialen Organismus.»

Auch Steffens Nachfolger sahen und sehen die Aufgabe des ‹Goetheanums› nicht im Politisieren. Die Sicht auf das, was aktuell ist, unterschied sich jedoch deutlich vom üblichen Aktualitätsbegriff im Journalismus. Andererseits zeigen die folgenden Worte Guenther Wachsmuths, daß schon damals die besondere Aufgabe dieser Wochenzeitung in der Auswahl von Themen erkannt wurde, eine Frage, die angesichts der digitalen, schnellen Medien heute für die Printmedien wieder gestellt ist (‹Das Goetheanum› Nr. 33/1941, S. 259):

«Hiermit [mit dem ersten Beitrag im ‹Goetheanum›] gab Rudolf Steiner der Zeitschrift gleichsam ein Urbild ihrer Aufgabe mit auf den Lebensweg.

Schon die ersten Worte: ‹Wer heute über die allernächsten Tagesinteressen hinausblickt [...]› sind richtungweisend. Denn es besteht heute eine große Wirrsal über das, was man ‹aktuell› nennt, beziehungsweise was im höheren Sinne des Wortes ‹aktuell› ist. Eine Zeitschrift müsse aktuell sein, sagt man, und versteht darunter meist den Typus von Menschen oder deren Journalistik, die immer gerade da sind, wo ‹die allernächsten Tagesinteressen› laut werden, wo man gehört werden kann, wo ein Podium steht, das man besteigen, eine Diskussion, an der man teilnehmen kann, jene zügige und wendige Anpassung an das, was gerade geistige Mode oder beliebter Diskussionsstoff ist. [...]

Das Bild einer Zeitschrift, die Leben und Wesenheit hat, wird charakterisiert durch das, was sie leistet, aber auch durch das, was sie vermeidet, dadurch ist sie schöpferisch und erzieherisch tätig. Bevor wir über das sprechen, was sie uns durch ihre Leistungen geworden ist, sagen wir darum an diesem ihrem 20. Geburtstag auch offen, wofür wir dankbar sind, daß sie es vermieden hat. Zunächst also jene falsche Hellhörigkeit für das oben skizierte ‹Aktuelle›. Dafür erzog sie zu der rechten Hellhörigkeit für die geistigen Dominanten der Zeitsymphonie. [...]

Sie [die Wochenzeitung ‹Das Goetheanum›] braucht nicht Streit-Schrift zu sein, in jenes Schlachtengetümmel unterzutauchen, wo jedes Wort, das gesprochen wird, von vornherein mit Schild und Speer bewaffnet ist. Sie hat die Aufgabe, den Menschen zum Nachdenken zu bringen, bevor er ins Getümmel geht, sie ist kein Waffenlieferant im Streit der Meinungen, sondern eine Stätte geistiger Schulung und Bestimmung, wo vor dem Handeln nach dem Ob, Warum und Wie gefragt wird; dadurch ist sie niemals nur zeitbedingt. Es ist sehr charakteristisch, daß Menschen, die etwa durch die äußere Situation am Erhalten dieser Zeitschrift durch lange Zeit verhindert waren, bei einem Besuch in Dornach sich nun die letzten Jahrgänge des ‹Goetheanums› geben lassen, um deren Studium nachzuholen. Wie viele heutigen Zeitschriften wären dafür schon nach kurzer Zeit nicht mehr ‹aktuell› genug, ihr Inhalt überholt, ihre Streitfragen nicht mehr existent oder völlig verändert, eben eine Reaktion auf etwas, das nicht mehr ist. Eine geisteswissenschaftliche Zeitschrift jedoch ist den wesenhaften historischen Hintergründen des Zeitgeschehens und zugleich dem Impuls der Zukunft nahe, daher ist sie immer Gegenwart, aber auf einem höheren Niveau, das über dem allzu zeitbedingten Geschehen liegt.»