Rudolf Steiner empfahl die Gründung einer Wochenschrift, um auf anthroposophischer Grundlage zu sozialen, wissenschaftlichen und kulturellen Fragen Stellung zu nehmen. Am 21. August 1921 erschien die erste Nummer. Sie wurde sie vom "Verein des Goetheanum" herausgegeben unter dem Namen: "Das Goetheanum. Internationale Wochenschrift für Anthroposophie und Dreigliederung".
So waren beispielsweise die Bewegungskunst Eurythmie, die Waldorfpädagogik (durch den Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrikanten Emil Molt angeregt) und die anthroposophisch erweiterte Medizin (in enger Zusammenarbeit mit der Ärztin Ita Wegman) in dieser Zeit durch Steiner ins Leben getreten. Rudolf Steiner hatte den auf wissenschaftliche Genauigkeit und Methodik aufbauenden Hintergrund dieser Erneuerungsbewegung mit dem Namen ‹Anthroposophie› bezeichnet. Noch während des Ersten Weltkrieges versuchte Steiner zudem, mit seinem Konzept der Dreigliederung des Sozialen Organismus der verfahrenen europäischen politischen Situation eine lebensfähige Alternative beiseitezustellen.
1921 war die Zeit reif, um an eine eigene Zeitung zu denken, die das damalige krisendurchrüttelte Kultur- und Gesellschaftsleben befruchten sollte. Paul Bühler, späterer Leiter der Wochenzeitung, beschreibt die Situation der Gründungszeit von der Perspektive 1941 aus so (‹Das Goetheanum› Nr. 33/1941, S. 262):
«Die Menschen, die unter dem Weltkrieg gelitten hatten, waren noch befeuert von dem guten Willen, eine neue Kultur zu begründen. Allabendlich fanden in Städten und Dörfern Deutschlands Versammlungen statt, in denen um richtungsgebende Ideen gerungen wurde. Religionsprobleme wurden sogar in den Straßenbahnen diskutiert. Die Jugendbewegung träumte wandernd von neuen Idealen. Dabei suchte in jener Zeit der Hunger dauernd das Denken für die nächsten Lebensbedürfnisse einzuspannen, und die Inflation beunruhigte die Gemüter, als stünde man immer auf dahintreibenden, zerfallenden Eisschollen.
Aber es entstand ein Chaos, das keinen neuen Kern finden wollte. Junge Enthusiasten proklamierten täglich neue Programme, verkannte Reformer warteten mit ihren Steckenpferden auf, und alte Denkgewohnheiten erhoben wieder den Kopf. Schlagworte wirbelten durch die Zeitungen. Wilsons gespenstische Ideale [von der Selbstbestimmung der Völker] wurden glorifiziert. Durch die Straßen pilgerten seltsame Gestalten, vom Barfüßer im Rupfensack bis zum Träger indischer Tracht. Rohköstler erhoben ihre Diät zur Weltanschauung. Expressionisten steigerten sich bis zu Imaginationen und fielen wieder, aus Mangel an geistiger Disziplin, in sich zurück. Dem Hunger wurde mit landwirtschaftlichen Augenblicksmaßnahmen, Traktoren und chemischen Düngemitteln zu steuern versucht. Und über das geistige Streben machten sich alte Kapazitäten her. Die Wandervögel pilgerten zur Alma mater zurück. Junge Privatdozenten errangen sich Achtung der Universitäten und schließlich Professuren durch Kampfschriften gegen die Geisteswissenschaft.»
Albert Steffen, der die Leitung des ‹Goetheanums› übertragen bekommen sollte, schildert weitere Facetten der Zeitumstände (‹Das Goetheanum› Nr. 33/1941, S. 261):
«Das West-Ostproblem ist das dringendste, so sprach er [Rudolf Steiner] schon seit langem, indem er auf die Gefahr wies, daß alles zugrunde gehen könnte von jenem Ichheitserleben aus Goethes Zeiten, welches noch im Geiste wurzelte und so herrliche Früchte trug, und daß an dessen Platz der Selbstheitswahn zu treten und sich ganz im Irdisch-Physischen zu verhärten drohte. Ein neuer Pitaval [Sammlung von Strafrechtsfällen] war im Entstehen. Als ich nach jener Tagung von Darmstadt wiederum nach Dornach zurückkehrte, las man in den Zeitungen, daß in Warschau die Cholera ausgebrochen sei. Die Rote Armee stieß auf die Weiße, um sie niederzumachen, und wurde selber vernichtet. Der Tod erhob sich überall. Das war der Boden, in den Rudolf Steiner säte.»