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Foto: © ‹Das Goetheanum›

Erinnerungsbilder zu Johanna Guhr

Zukunftskeime in der Gegenwart verankern | Sebastian Jüngel

13 Monate wirkte Johanna Guhr in der ‹Goetheanum›-Redaktion. Am 7. Dezember 2009 starb sie an den Folgen einer Gehirnblutung. Die lebensfreudige, lauschende, aber auch in einzelnen Situationen bestimmt Stellung beziehende Redaktionsassistentin berührte andere Menschen so, dass diese auf das Spirituelle neu zu blicken vermochten.

Als es im Gespräch über die Steffen-Tagung ‹Von der Poetisierung der Welt› darum ging, dass Albert Steffen den Erlebnissen an der Schwelle nicht auswich, sie auch nicht betäubte und dass seine Erlebnisse heute viele junge Menschen beträfen, bestätigte Johanna Guhr Letzteres mit engagierter Zustimmung. Ihr letzter großer abgeschlossener Beitrag handelte von Nahtoderfahrungen, ihr erster über die Tagung ‹between planets›. Dort ging es um Qualitäten von Silber und Blei und deren Beziehung zu den Planeten Mond und Saturn. Der Saturn­zyklus beträgt 30 Jahre. Johanna Guhr starb wenige Wochen nach ihrem 30. Geburtstag an einem Montag an den Folgen einer Gehirnblutung. Selten liegen die Signaturen eines Lebens so deutlich vor einem.

Anliegen Friedensforschung
Johanna Guhr kam am 9. September 1979, einem Sonntag, in Lübeck zur Welt. Sie war die jüngste von drei Geschwistern und verlebte, wie sie erzählte, eine sehr schöne Kindheit. Sie war viel in der Natur, liebte die Hunde der Familie und hatte ein Pferd. Nach Schulabschluss zog es die Waldorfschülerin ein halbes Jahr nach Kanada, wo sie unter anderem mit körperlich behinderten Menschen arbeitete. Sie hatte eine tiefe innere Beziehung zum Norden.
Ihre Studienzeit führte sie nach Freiburg im Breisgau, an die Humboldt-Universität in Berlin und zuletzt nach Frankfurt/Oder, wo sie das Studium der Kulturwissenschaften mit einem Master of Arts abschloss. Anders als gehofft, fasste sie nicht dort Fuß, wo ihr Interesse lag, in der Friedensforschung. Sie bewarb sich beim ‹Goetheanum›, wo für sie extra eine Praktikumsstelle eingerichtet wurde. Nach Ablauf der Praktikumszeit wurde sie Redaktionsassistentin.
Ich hörte später von den Eltern, dass Johanna Guhr am Goetheanum ihre geistige Heimat gefunden und sich in einer eigenen Wohnung erstmals wirklich eingerichtet hatte. Das selbst ergriffene Leben begann.

Verteidigen der Integrität
Johanna Guhr bereicherte die Redaktion durch ihr heiteres Wesen und ihr befreiendes Lachen. Sie wirkte anfänglich zurückhaltend, folgte allem mit großer innerer Anteilnahme und nahm Stellung. Das Nein-Sagen fiel ihr schwer, und doch übernahm sie nichts ohne Weiteres – was sie umsetzte, war abzuwarten. Sie war offen und doch gab es einen Bereich, in den man nicht eindringen wollte – nicht zuletzt weil man vertrauen konnte, dass sie das, was sie tat, mit innerem Ernst und mit Verantwortungsgefühl erfüllte. Bezüglich Urteilen gegenüber anderen Menschen oder Gruppierungen war Johanna Guhr sensibel. Sie lebte und verteidigte furchtlos, mit innerer Klarheit und emotionslos in der Sache  die Integrität der Menschen, gleich welchen Glaubens und welcher Herkunft. Dabei war ihr niemand heilig, auch nicht Rudolf Steiner. 
Johanna Guhrs Wahrnehmung speiste sich aus weiten Sphären. Sie rang darum, diese Eindrücke in der Sprache zu ‹linearisieren›, brach in der Darstellung ihrer Gedanken immer wieder mal unvermittelt ab. Bei der anthroposophischen Grundlagenarbeit war zu erleben, dass sie tiefe spirituelle Erlebnisse hatte, einige von diesen erzählte sie auch. Für alles, was half, diese Erlebnisse zu ordnen, war sie dankbar; die Gedankenführung Rudolf Steiners erlebte sie als hilfreich und klärend.
Sie war ausgesprochen wach für das Soziale. Neben ihrem Studium hatte sie eine Mediationsausbildung durchlaufen und Praktika am Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik sowie am Auslandsreferat des Weltfriedensdienstes in Berlin absolviert. Gerade zuletzt ging es immer wieder darum, sich auf die eigenen Anliegen zu konzentrieren. Sie übernahm viele Arbeiten, um andere zu entlasten, hatte ein breites Interessenspektrum und suchte die Zusammenarbeit mit jedem in der Redaktion. Sie wirkte in den letzten Wochen wie angekommen, brachte ihre Anliegen entschlossen auf den Punkt und erprobte zu sagen: «Nein, das schaffe ich nicht.» Zugleich wurde sie weniger ‹greifbar›, war wie getrieben. Sie wusste, ihre Kräfte neu bündeln zu müssen, die sie zusätzlich für Proben bei den Weihnachtsspielen, beim Puppentheater Felicia und für einen Lesekreis einsetzte.

Große Ausstrahlung
Mit ihrer Erkrankung wurde deutlich, wie groß die Ausstrahlung von Johanna Guhr ist. Viele besuchten sie am Krankenbett, wo sie von ihren Eltern, ihren Geschwistern und ihrem Freund liebevoll umsorgt wurde. Zur Bestürzung über ihren Schicksalsschlag kam oft die Einsicht: Das ist ihr Weg. Johanna Guhr öffnete anderen das Tor zum Spirituellen.
Mir scheint, Johanna Guhr hat einen Auftrag  ergriffen, der sie aus ihrer jetzigen Inkarnation in die geistig-seelische Welt führte. Dass sie ein Vermächtnis, auch innerhalb der Redaktion, hinterlassen hat, ist spürbar – worin es besteht, ist noch zu erlauschen. Vielleicht ist eine Richtung: Aus einem Umkreisbewusstsein heraus Zukunftsimpulse ergreifen und in der Gegenwart als Keim verankern.

Aus: ‹Das Goetheanum› Nr. 51–52/2009