Ein Wissenschaftler bemüht sich um die Anthroposophie

Anmerkungen zu Helmut Zanders ‹Anthroposophie in Deutschland›

Im letzten Jahr erschien ein äußerst umfassendes Buch, in dem ein katholischer Wissenschaftler die ‹Anthroposophie in Deutschland› untersuchte. Im ‹Goetheanum› wurde ja schon darauf eingegangen.

Das auf zwei Bände verteilte Werk umfasst knapp 2000 Seiten. Die beiden Bände kosten fast 250 Euro und sind somit für Privatpersonen kaum erschwinglich. Wahrscheinlich wird man sie wohl eher in Universitätsbibliotheken wieder finden. Es werden ja nur selten so umfangreiche Publikationen auf den Markt gebracht, und man fragt sich im Grunde: Was bewegt einen Religionswissenschaftler, über eine Sache, die er im eigentlichen Sinne gar nicht verstehen kann und trotzdem oder deswegen zutiefst ablehnt, eine so umfassende Arbeit zu schreiben?

Im Bereich der Geisteswissenschaften gibt es immer wieder Leute, die sich anmaßen, über Sachen urteilsfähig zu sein, für die sie nicht die nötigen Grundlagen mitbringen. Niemals würde ein Historiker ohne ein gründliches Zusatzstudium sich für kompetent halten, die Konstruktion eines Computerelementes kritisch zu beurteilen. Er könnte vielleicht sagen, dass ihm die Farbe oder Form des einen Teiles besser gefiele als die eines anderen Teiles. Noch kurioser wird es, wenn einer grundsätzlich die Möglichkeit einer übersinnlichen Erkenntnis ablehnt, und er dennoch eine Wissenschaft, deren Voraussetzung eben diese Erkenntnisfähigkeit zur Grundlage hat, zu beurteilen versucht. Er könnte als Mensch wohl sagen: Diese Sache verstehe ich nicht; sollen sich Leute damit auseinandersetzen, die sie verstehen. Aber diese Art des redlichen Umganges mit Erkenntnissen anderer Menschen kennt er nicht. Also beginnt er sich mit der Anthroposophie zu beschäftigen und beurteilt sie auf dem äußerlichsten Niveau, das eben möglich ist. Etwa so, wie wenn man die Qualität und Funktionsfähigkeit eines Computers nach dessen Form und Farbe beurteilen würde.

Er müsste konsequenterweise auch sagen, dass ein Computer Lug und Trug sei, da sein Verstand nicht ausreicht, ihn zu begreifen. Er beschließt aus diesem Grunde, nie einen Computer anzuschalten. Ja, er beginnt nun sogar, die Computerhersteller zu bekämpfen und ihnen alle nur erdenklichen Vorwürfe zu machen, bis dahin, dass er sagt, dieser oder jener Computerhersteller habe z.B. sein eigenes Kind einmal ungerecht behandelt. Schon dieses sei Beweis genug für die Unhaltbarkeit der Computertechnik. Wenn er aber einmal einen Computer praktisch einsetzen würde, dann bewiesen ihm hier eben die Fakten, dass er doch funktioniert. Auch bei der Anthroposophie kann es sein, dass man sie nicht mit der eigenen Erkenntnis voll erschließen kann. Dennoch kann jeder, der sich unbefangen mit ihr beschäftigt, ihre Wirkung erleben. Diese beweist ihm, dass die Anthroposophie trotzdem funktioniert.

Nun ist es ja mit dem Werk Rudolf Steiners so, dass man es mit der normalen Verstandestätigkeit so wenig erfassen kann, wie man z. B. mit dem normalen wissenschaftlichen Denken bisher noch nicht begreifen kann, warum eine Pflanze wächst und wie sich ihre Gestalt entwickelt. Rudolf Steiners Art zu formulieren erfordert eine besonders aktive, lebendige Gedankentätigkeit. Man könnte vergleichsweise sagen, man braucht eine gewisse Kraft, um in einem ebenen Gelände spazieren zu gehen, aber um einen Berg zu besteigen, braucht es eine erheblich größere Kraft und Aktivität, dafür erhält man besondere neue Ausblicke und Erlebnisse. Damit soll auch ausgedrückt werden, dass man für ein Verständnis der Anthroposophie zunächst einmal ja gar keine besondere neue Erkenntnismöglichkeit braucht, sondern man muss nur das gewöhnliche Denken nehmen und es ein wenig stärker aktivieren und anstrengen. Aber da scheint dieser Wissenschaftler schon an die Grenzen seiner Möglichkeiten zu stoßen.

Er ist ja, gerade wenn er eine höhere Position im wissenschaftlichen Institutionen-Betrieb erreicht hat, meist deshalb in diese Position gekommen, weil er die Ideale dieser modernen Wissenschaft besonders gut verkörpert. Ein solches Ideal ist z.B., nichts gelten zu lassen, was sich nicht durch ‹Fakten› absichern lässt. Wenn man selber einmal an einer Hochschule war und eine wissenschaftliche Arbeit an einer geisteswissenschaftlichen Fakultät verfassen wollte, dann konnte man erleben, was das bedeutet. Es kommt dann dabei meist das heraus, was man humorvoll so ausdrückt: Eine gute Arbeit besteht darin, dass man aus 10 vorhandenen Büchern ein neues zusammenschreibt. Wenn man nun sein Denken ein wenig einsetzt, dann wird man sofort auf ein Rätsel stoßen: Wie kann denn so überhaupt etwas Neues in der Wissenschaft auftreten? Völlig neue Gebiete zu betreten oder eigenständig originelle Ideen systematisch und exakt zu entwickeln, wird einem gewöhnlich untersagt. Sicher gibt es hierbei auch Ausnahmen. Dennoch bleibt dieses Prinzip gültig.

Unser Historiker, der sich die Mühe machte, Tausende von Seiten über ein Gebiet zu schreiben, das er innerlich ablehnen muss, denkt nun, dass sein Ideal – es kann keine originär neuen Gedanken oder Erkenntnisse auf der Welt geben – für alle gelten muss. Für ihn kann auch der GeisteswissenschaftIer nur so vorgegangen sein, dass er überall abgeguckt, abgelesen oder abgeschrieben habe, nur dass er es nicht zugibt. Er äußert deshaIb immer wieder nicht nur, dass Steiner überhaupt keine eigenen Erkenntnisse gehabt habe, sondern er bemüht sich auch nachzuweisen, dass sich die Anthroposophie im Wesentlichen bereits in älterer Literatur, z.B. bei Blavatsky, auffinden lässt.

Dazu hier ein kleiner Auszug aus einem Interview mit Helmut Zander im Deutschlandradio:
«Grote: ... Woher kommt also das Wissen von Steiner, woher bezieht er seine Religion?
Zander: Sein Wissen ist definitiv zeitgebundenes Wissen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.
Grote: Also hat Steiner verschiedenes abgeschrieben, zusammengerührt, und daraus ist dann die Anthroposophie entstanden?
Zander: Ja, Sie sagen das sehr kritisch: zusammengerührt! Er hat schon gesehen, was passt, was er verwenden kann, aber er hat sich aus dem Fundus seiner Zeit bedient.
(Quelle)

Will man dem Gedankengang konsequent folgen, dann wäre in seinem Sinne Rudolf Steiner wahrscheinlich ein ganz großartiger moderner Geistes-Wissenschaftler, da er fast alles – wie Zander behauptet –, was er schreibt und vorträgt, schon irgendwo gelesen hat. Vielleicht ist er im Sinne unseres Kritikers nur insofern zu tadeln, dass er nicht ordentlich zitiert hat und die nötigen Quellenangaben vergessen hat. Aber ansonsten müsste er Steiner dafür loben, dass er wie alle guten Fakten-Wissenschaftler eben nur aus hundert oder tausend vorhandenen Büchern ein neues Buch geschrieben hat, das ‹Buch der Anthroposophie› und sicher könnte er ihn dafür aIs Assistent in seinem Berliner Institut für Geschichtswissenschaften engagieren.

Die heutige Wissenschaft betont immer sehr, dass sie nur ‹Fakten› gelten lassen könne. Mit diesen Fakten sind natürlich immer nur physisch-sinnliche Elemente gemeint. Deshalb tut man sich ja auch so schwer mit dem Denken, weil man es nicht als physisch-sinnliche Tatsache fassen kann. Obwohl dennoch jeder Wissenschaftler dieses Denken hoffentlich ständig aktiviert.

Nun kommen wir in eine etwas merkwürdige Situation, wenn einer ausgerechnet die Religion oder ähnliches als Wissenschaftler untersuchen will, er aber doch überhaupt nichts Geistiges gelten lassen kann und sich immer nur auf Fakten beziehen will. Er beginnt dann, diejenigen Schriften, die es in diesem Zusammenhang gibt, zu untersuchen, denn bei den Schriften oder Büchern handelt es sich für ihn zum Glück um eine anfassbare Sinnestatsache. Religion können für ihn dann nur die Druckbuchstaben der entsprechenden Schriftstücke sein.

Schwierig wird es für diesen Wissenschaftler aber schon, wenn er den Inhalt der Schriften verstehen soll. Da er das Denken als geistigen Vorgang nicht kennt oder nicht anerkennen will, kann er den Inhalt von Schriften, die eine besondere Denkaktivität erfordern, nicht wirklich verstehen. Deshalb geht er prinzipiell so vor, dass er z.B. untersucht: In diesem einen zu erforschenden Dokument kommt das Wort ‹Haus› vor, dieses ist für ihn ein ‹Faktum›, eine handlich greifbare Sinnestatsache. Nun nimmt er sich ein älteres Buch vor: Oh, da steht ja auch schon das Wort ‹Haus›, das zweite Faktum. – In unserem Fall empört sich dieser Wissenschaftler und ruft: Welch eine Ungeheuerlichkeit! Dieser Begriff ‹Haus›, den gibt es doch schon viel länger. Warum gibt der Autor nicht an, dass er diesen Begriff gar nicht selbst erschaffen hat, sondern ihn aus einem älteren Buch abgeschrieben hat? Und nun verurteilt er das Dokument bzw. seinen Verfasser deswegen auf das Heftigste.

Genauso geht unser religionswissenschaftlicher Kritiker das Werk Steiners an: Er nimmt – man möchte schon fast sagen – Buchstaben-Elemente, Worte, Satzteile, Sätze usw., und beweist, dass man sie auch schon in älterer Literatur findet. Verstehen kann er nicht, dass man erst das eigene, lebendige, bewegliche Denken aktivieren muss – aber das darf man ja als exakter Wissenschaftler nicht, denn das würde ihn zu Neuem führen. Er darf nur auf die Fakten sehen, und das sind die schwarzen Linien der Buchstabenformen, die man ganz exakt genau so in verschiedenen Drucksachen wieder findet – und man dann heraus findet, dass eben die Gesamtaussage in dem einen Buch eine ganz andere ist, als diejenige in einem früheren Werk. So, wie über das ,‹Haus› in dem einen Werk etwas ganz anderes gesagt sein kann als in dem anderen, so ergeben die Aussagen der Anthroposophie in ihrem neuen Kontext etwas völlig anders als die z.T. vielleicht wörtlich gleichen Aussagen in buddhistischer, christlicher oder theosophischer Literatur.

Nun ist es ja mit den Fakten, auf die die moderne Wissenschaft baut, so eine Sache, eine schwierige Sache. Denn die Fakten, die verändern sich. Erst heißt es, die Materie besteht aus Atomen und man bringt den Leuten bei, sich so etwas wie kleine Kügelchen vorzustellen. Die Frage ist dabei, was für ein Faktum  das ist, denn keiner hat sie unmittelbar mit seinen Augen gesehen. Später heißt es, das Atom ist gar kein winziges Kügelchen, sondern es besteht vereinfacht ausgedrückt aus Energie-Schwingungen. Aber diese Schwingungen, die kann sich nun keiner mehr vorstellen. Also diese sog. Fakten, die in Wirklichkeit gar keine Fakten sind, sondern theoretische und maschinelle Konstrukte, verändern sich.

Besonders viele Veränderungen gibt es z.B. auch in der Archäologie. Man gräbt irgendwo ein Stück in die Erde, findet alte Reste und dann sagt man, so und so war das früher. Schliemann hatte ja auf diese Weise ein bestimmtes Bild von Troja entwickelt. Später aber graben andere weiter, und es ergibt sich durch das tiefere Graben ein völlig neues oder erweitertes Bild der Geschichte der alten Stadt. Die Konsequenz aus diesem Bauen auf ‹Fakten› wäre – und das gilt im Grunde für alle wissenschaftlichen Aussagen über diese Welt –, dass man sich klar macht, dass man immer nur Teilaspekte überblickt und dass weitere Forschungen völlig neue Erkenntnisse bringen können. Man sollte als Mensch wohl immer vorsichtig sein mit wissenschaftlichem Hochmut, der meint, er wüsste alles am besten, nur weil er das vertritt, was alle denken, und was dadurch, dass man meint, dass es alle denken, wie ein festgefügtes Dogma in der Welt steht. In dieser Art zu denken, fühlt man sich natürlich besonders sicher und fühlt sich auch aufgerufen, als Universitätsmensch wie ein Schriftgelehrter dafür zu sorgen, dass niemand am Dogma oder Diktat der Fakten rüttelt, sondern man betoniert sie immer weiter fest.

Für den Kritiker der Anthroposophie, Helmut Zander, schien es z.B. eine geschichtliche Tatsache zu sein, dass die Archäologen herausgefunden hatten, dass das König-Artus-Schloss Tintagel erst im 12. Jahrhundert erbaut wurde. Da König Artus wohl 6 bis 7 Jahrhunderte früher gelebt hat, wenn er denn überhaupt gelebt hat – was der Wissenschaftler als erfundene Sage abtut –, dann kann Artus also mit dem Schloss Tintagel nichts zu tun gehabt haben. Das ist für ihn eine logisch klare, wissenschaftliche Tatsache.

Hier einige wörtliche Zitate aus Zanders Buch (S. 647 f.)
«Steiner besuchte im August 1924 Schloss Tintagel in Cornwall, der Sage nach im 5./6.Jahrhundert die Residenz König Artus' und seiner Tafelrunde. Mit diesem Wissen im Hinterkopf erklärte Steiner, wenn man in Tintagel stehe, bekomme man ‹heute noch durchaus jenen Eindruck, der einem sagt, was eigentlich diese Ritter der Tafelrunde, die Artus-Ritter, da oben machten in diesem Riesenschloss, von dem die letzten Steine, die abbröckelnden Steiner – [Zander schreibt hier wirklich «Steiner», nicht «Steine» wie es in der GA 238 heißt], die spätesten Zeugen, stehen›. Pathetischer gab Günther Wachsmuth, Ohrenzeuge von Steiners Beschreibung, die Situation wieder: ‹Als Rudolf Steiner dann auf der Höhe des Felsens die Mauerreste der alten Burg überschaute, ... da wurde ihm aus der geistigen Schau die Vergangenheit gegenwärtig, und er schilderte uns nun in lebendigen Bildern, mit der Hand auf die einzelnen Teile der Burg weisend, wo einst der Saal der Tafelrunde, die Räume des Königs und seiner Ritter gewesen wären.›
Dieser Vision stehen allerdings archäologische Erkenntnisse entgegen, wonach die Ruinen von einem Schloss stammen, das um 1140 erbaut wurde; vorher habe auf diesem Platz bestenfalls ein keltisches Kloster gestanden. Steiner hätte sich dann getäuscht.»

Und auf Seite 1438 meint Zander:
«In diesen und ähnlichen Fällen behauptete Steiner unter impliziter Berufung auf seine okkulten Einsichten ‹Fakten›, die dem Stand der wissenschaftlichen Debatte schon damals nicht mehr entsprachen.»

Nun ist unser Kritiker aber selber leider nicht auf dem heutigen Stand der Wissenschaft. Das ist fatal, denn der Wissenschaftler, gerade wenn er sich die Mühe macht, mehr als tausend Seiten über eine Sache zu schreiben, sollte dies immer auf der Grundlage der neuesten Forschungsergebnisse tun. Grabungen in den letzten Jahrzehnten haben nun wiederum tiefer geschürft und ergeben, dass genau in der Zeit des König Artus, eben an derselbigen Stelle doch schon eine bemerkenswerte Siedlung bestanden hat. Wer weiß, was man bei tieferem Graben bald noch alles ans Tageslicht bringen wird.
Wenn man eben tiefer schürft, dann sehen die Dinge meistens ganz anders aus. Ein Wissenschaftler sollte auch im Denken immer tiefer schürfen, als andere es vor ihm getan haben. Mit einer bequemen und selbstgefälligen Oberflächlichkeit, auch wenn sie Tausende von Seiten umfasst, ist niemandem gedient.

Dieter Centmayer, Braunschweig (DE)