Die Diskussion, die H. Zanders Buch über die Geschichte der Anthroposophie in Deutschland entfesselt hat, konzertriert sich vielleicht zu wenig über eine methodische Prämisse von Zanders Arbeit(en), die jedes wahrhafte Gespräch auf eine anthroposophische Ebene prinzipiell verhindert: Die Voraussetzung, dass eine Erkenntnis der geistigen Welt nicht zu erreichen wäre. Zanders Bagatellisierung von Rudolf Steiners Werk und Anschauungen entspringt wahrscheinlich nicht einer grundsätzlichen Antipathie Steiner gegenüber, denn eine konsequente und banalisierende Historisierung charakterisiert sein materialreiches Buch „Geschichte der Seelenwanderung in Europa. Alternative religiöse Traditionen von der Antike bis heute“, Darmstadt 1999. In dem Buch wird nicht einmal als Möglichkeit angenommen, dass die Vorstellung der Seelenwanderung einer objektiven Erkenntnis des Geistigen zu verdanken wäre, so dass die verschiedenen Entwicklungen bei der Vorstellung der Seelenwanderung im Grunde rein als abstrakte Adaption an die jeweilige Selbstwahrnemung des Menschen im Kosmos interprätiert werden … als ob solche Vorstellungen auf dem verstaubten Schreibtisch eines heutigen Durchschnittsakademikers bzw. eines gelangweilten Salondenkers entstanden wären. Hätte Zander ein Buch über Platon, Plotin, Hegel usw. geschrieben, hätten wir sicher mit derselben distanziert, Pardon, bewusst „historisch-kritischen“ Haltung zu tun, die man im Buch über Steiner merken kann.
Selbstverständlich muss man sich Zanders Arbeit gegenüber unendlich dankbar für die akribischen Materialsammlungen zeigen, die bestimmt zur Vertiefung einer kritischen Selbstwahrnehmung der Anthroposophen beitragen werden. Die Hauptfrage bei jeder auch nur halbwegs ernstzunehmenden Diskussion über eine Figur wie Rudolf Steiner müsste aber die folgende sein: Gibt es eine individuell erreichbare Erkenntnis des Geistigen, und wenn ja, durch welche Kriterien sollen die Aussagen betrachtet werden, die jener Erkenntnis entspringen? Die Antwort auf diese Fragen ist das Entscheidende, nicht die krampfhafte Konzentrierung auf manche Aussagen bzw. Handlungen Steiners, die heute viele, oft nicht gerade unvoreingenommen, als verblüffend betrachten. Selbstverständlich will man damit keine offizielle Seligsprechung für Steiner verlangen: Das ist nicht die Aufgabe einer Diskussion, die ihn respektieren will, denn jeder seligssprechende Ton begrenzt die Freiheit des Gesprächspartners und verletzt den „kosmischen Humor“. Andererseits empfindet man immer mehr tiefes Unbehagen einer langsam verstaubten positivistischen Haltung gegenüber, die alle Phänomene des Geisteslebens einer gleichschaltenden Nivellierung unterzieht. Es kommt einem vor, als ob es für die meisten heutigen Akademiker in der Geistesgeschichte keine besondere Individualität hätte geben dürfen, die den Horizont des Durchschnittlichen überwinden konnte. Diese nivellierende Haltung ist immer mehr in den akademischen Geisteswissenschaften der Nachkriegszeit spürbar geworden: Alles muss verharmlost, psychologisiert, soziologisiert, historisiert, kritisiert, bagatellisiert, und letztendlich gleichgeschaltet werden, unter der Diktatur einer sogenannten Wissenschaftlichkeit, die die Gedichte eines Homers oder Dantes mit derselben Haltung analysiert, wie man die mikrigsten Tonscherben aus dem alten Griechenland bzw. Kochrezepten aus dem Mittelalter akribisch katalogisiert. Eine langweilige Welt von Langeweiler scheint das Ideal der heutigen akademischen Geisteswissenschaftler zu sein, eine Welt, in der Alles nett, niedlich und harmlos bzw. unindividuell, unästhetisch, unproduktiv ist. Wirklich, hier geht es nicht um Rudolf Steiner und um die Anthroposophie, sondern um eine abgründige Ohnmacht, die dem heutigen akademischen Betrieb jede kulturstiftende Funktion entreisst. Rudolf Steiner mag ein Rassist, ein Opportunist, ein Plagiator usw. gewesen sein…Wir alle wollen manche (auch nicht besonders neue) Thesen vorurteilslos prüfen…mit dem Wunsch, dass noch heute viele akademische Geisteswissenschaftler, egal mit welcher Meinung in bezug auf Steiner, die wahrhaft erlösende Kraft eines schönen Gedichts als lebens- und sinnstiftende Realität empfinden können…
Salvatore Lavecchia, Würzburg (DE)