Gefunden

Das ‹Goetheanum› auf dem Weg zum neuen Erscheinungsbild

Das ‹Goetheanum› wird ab Pfingsten neugestaltet (‹Goetheanum› Nr. 6/2005). Die Projektgruppe aus Redaktion, Hersteller Urs Schumacher, Geschäftsführer Christian Peter und Herausgebervertreter Paul Mackay entschieden gemeinsam, wie der Grafikdesigner zu finden wäre – über eine Ausschreibung.

Endlich. Das Anforderungsprofil für die Neugestaltung lag vor. Bis zuletzt hatten wir mit dem Redaktionsbeirat in mehreren Sitzungen an einer präzisen Ausformulierung der Vision des neuen ‹Goetheanums› geschliffen. Das Anforderungsprofil enthielt die Ergebnisse all der Vorarbeiten der letzten Jahre in konzentrierter Form. Vor allem war es Medienberater Walter Schneider, der uns immer wieder gefragt hatte: «Was ist das Profil des ‹Goetheanums›? Was macht es unverwechselbar? Und setzen Sie das Gewollte auch wirklich um?» Er triezte uns immer wieder mit seiner Methode: «Wo stand das ‹Goetheanum› bei seiner Gründung? Wo steht es jetzt? Und wohin wollen Sie mit dem ‹Goetheanum›?» Am Ende hielten wir eine Profilbeschreibung in der Hand (siehe Kasten), die dem Anforderungsprofil des neuen ‹Goetheanums› zugrundelag.

Die Ausschreibung
Im April 2003 verließen 16 Briefe unser Haus. Der Inhalt: das Anforderungsprofil und eine CD mit Text- und Bildmaterial. Die Adressaten: Grafikdesigner, die uns und dem Herausgeber mit ihren Arbeiten für anthroposophische Projekte aufgefallen oder uns sonst bekannt waren. Die Hoffnung: unter den Entwürfen ist eine Handschrift erkennbar, die dem neuen ‹Goetheanum› eine zeitgemäße Gestaltung zu geben vermag. Einsendeschluß: Ende Mai 2003.

Ausführlich hatten wir uns mit Herausgebervertreter Mackay darüber ausgetauscht, wie der Wettbewerb vorzunehmen wäre. Unser Geschäftsführer beispielsweise favorisierte eine öffentliche Ausschreibung, um auch neue Grafikdesigner und junge Menschen zu erreichen. Dem stand die Anregung des damaligen Leiters der Sektion für Bildende Künste am Goetheanum, Christian Hitsch, gegenüber: Statt viele einen Entwurf anfertigen zu lassen, von denen aber höchstens einer umgesetzt werden könne (so daß alle anderen unnötig tätig gewesen und frustriert wären), solle man lieber einige Grafikdesigner zu einem Arbeitsgespräch einladen, um gemeinsam Gestaltungsgesichtspunkte zu erarbeiten. Der Projektgruppe war wichtig, daß die Grafikdesigner als individuelle Künstlerpersönlichkeiten ernst genommen und daß vorurteilsfrei auf ihre Arbeiten geblickt werden würde. Die Projektgruppe einigte sich auf einen Mittelweg: eine Auswahl an Grafikdesignern anzusprechen, die man kennt, und deren Entwürfe anonym zu begutachten.

Für das Bewerten der Entwürfe hatte Mackay noch im März 2003 eine Jury beauftragt: Martina Maria Sam als Redaktionsbeirätin und Leiterin der Sektion für Schöne Wissenschaften am Goetheanum, Christian Peter als ‹Goetheanum›-Geschäftsführer und Sebastian Jüngel als Redaktionsvertreter. Mackay regte die Jury an, sich nach Bedarf um Berater zu erweitern.

Nach Einsendeschluß übergab ‹Goetheanum›-Mitarbeiterin Verena Sutter der Jury die eingetroffenen zehn Entwürfe in anonymisierter Form. Für die Jury waren alle ‹Goetheanum›-Mitarbeiter Berater. Jeder wurde um sein Urteil gebeten; jeder Gesichtspunkt, jede Einschätzung wurde notiert und in die Jury-Sitzung eingebracht. Die Jury zog anfangs auch die damalige Beauftragte für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Goetheanum, Isabell von Heymann, beratend mit hinzu.

Die Auswahl
Mit großer Spannung wurden die zehn Entwürfe auf einem großen Tisch ausgebreitet, die Eindrücke zunächst spontan mitgeteilt, dann systematisch zusammengestellt (Gefallen – Mißfallen). Die gestalterischen Ideen für Titel- und Innendoppelseite waren erstaunlich gegensätzlich: Überbordende grafische Phantasie, unklare Textgliederung, Unruhe im Erscheinungsbild standen sachlichen bis nüchternen Entwürfen gegenüber, die mehr den Kopf als das Gefühl ansprachen. Die Entwürfe reichten von magazinartig bis zu Gestaltungen in Form einer Kunst- oder einer Literaturzeitschrift.

Insgesamt entsprachen die Entwürfe nicht der Vision des neuen ‹Goetheanum›, wie sie die Projektgruppe in den Ausschreibungsunterlagen formulierte. Doch hatte die Jury ja nicht auf unmittelbar umsetzbare Entwürfe, sondern auf Handschriften zu achten, auf formale und kreative Kriterien: Wurden die Vorgaben des Anforderungsprofils eingehalten und alle gewünschten Unterlagen eingereicht? War die Anmutung der Gestaltung den Vorgaben gemäß? Abweichungen oder Schwächen gewichtete sie positiv, wenn der Entwurf neue originelle, bedenkenswerte Anregungen gab.

Die Jury vergab nicht, wie ursprünglich geplant, fünf gleichberechtigte Preise. Allein ein Entwurf überzeugte soweit; zwei weitere bekamen aufgrund ihrer Kreativität einen zweiten und dritten Preis. Für alle anderen wurde ein Anerkennungshonorar vergeben.

Die Projektgruppe fragte sich zwischenzeitlich, ob ein zweiter, öffentlicher Wettbewerb notwendig wäre. Doch zuvor wünschte sie das Gespräch mit dem Hauptpreisträger. Denn ‹Entwurf 4› hatte besonderes Interesse geweckt. Hier war die bisherige Vignette souverän neu eingesetzt, die redaktionellen Bereiche Aktuelles, Reflexion und Kommunikation fanden eine interessante Entsprechung in einem drei-, zwei- und vierspaltigen Konzept. Gut gegliedert, war schnelle Orientierung gewährleistet. Die Titelseite wirkte indes wie die einer Wissenschaftszeitschrift, deren hohes Niveau Schwellenängste gegenüber dem ‹Goetheanum› wecken könnte. Da jedoch die gestalterische

Sicherheit beeindruckte, wollte die Projektgruppe den Autor von ‹Entwurf 4› kennenlernen. Wie offen würde er für die Wünsche der Redaktion und des Herausgebers sein? Würde er seinen bisherigen Entwurf weiterentwickeln wollen? Während der beiden Arbeitstreffen überzeugte er durch seine Ausführungen zum Wesen der Vignette Rudolf Steiners und seine Arbeitsweise, die Neugestaltung als gemeinsamen Prozeß durchzuführen. Im März 2004 erhielt der Münchner Grafikdesigner und Typograf Karl Lierl den Auftrag.

Sebastian Jüngel

Hinweis: Die zehn Entwürfe sind dokumentiert unter www.dasgoetheanum.ch/495.html