Navigationshilfe: Das Goetheanum > Über uns > Die Wochenschrift seit 1921 > Neuer Auftritt seit Pfingsten 05 > 4. Entwickeln

EntwickelnRudolf Steiners Metamorphose-Gedanke bleibt Grundlage des neuen ‹Goetheanum›-Zeitungskopfes Die ‹Goetheanum›-Titelgestaltung Rudolf Steiners gehörte zur Avantgarde seiner Zeit. Doch sind nicht nur die äußeren zeitgenössischen Ausdrucksmittel, sondern vor allem die Formelemente des Zeitungskopfes genauer anzuschauen. Karl Lierl, der das ‹Goetheanum› neu gestaltet, arbeitet diese Bildegesetze heraus. Das Anschauen des ‹Goetheanum›-Zeitungskopfes geht nie ganz ohne einen leisen Schmerz vor sich. Er wird ausgelöst durch die Verhältnisse von Weiß zu Schwarz, von Licht zu Finsternis und von Grafik zum Schriftbild. Es ist kein ‹okkultes› Zeichen, sondern eine ‹Bild-Wort-Marke›. Ihr liegt weder Allegorisches noch Symbolisches zugrunde. Das, was beim Betrachter wirkt, was er ‹sieht›, sind seine eigenen Vorstellungen. Er hat ein Bild-Vorurteil, dem er sich hingibt. Beim Betrachten zeitgenössischer Kunst wird das offenbar. Verzweifelt wird nach einer Vorstellung gesucht, um das Gesehene zu erklären und einzuordnen. Wenn hingegen etwas betrachtet wird, das den eigenen Erwartungen entspricht, es also leicht und ohne Müheaufwand konsumierbar ist, tritt eine gewisse satte Zufriedenheit auf. Beim ‹Goetheanum›-Zeitungskopf ist das nicht der Fall. Er entzieht sich einer gefälligen Konsumästhetik. Polarität Schon bei der ersten Ausgabe wurde die typografische Gestaltung des Untertitels zerstört, indem man das Wort ‹und› versetzt hat. Offensichtlich ist, daß der Zeitungskopf von Anfang an nicht mehr dem Originalentwurf entsprach. Evolution – Involution Darunter steht der Vorläufer des ‹Goetheanum›-Zeichens. Es beinhaltet drei Dreiecke. Kraftlinien gehen davon aus, eingehüllt in einer amorphen, zweigeteilten Form. Die Gesten des Von- oben-Herabsenkens und eines Von-unten-Entgegenkommens und des Ein- und Auswickelns bleiben durch alle Entwurfsstadien erhalten: Involution und Evolution. Diese bestimmte Stufe zwischen beiden Polaritäten ist eine Art ‹Blüte›. Das Pentagramm ist auch im ‹Goetheanum›-Bildzeichen enthalten. Ihre kristallinen Formen findet man auf einem Raster, gebildet aus dem Pentagramm und dem in- und umschreibenden Pentagon. Im Pentagramm eingeschrieben ist auch die Urbewegung des Ein- und Auswickelns: die Spirale. «Die Welt ist eine Wirbelbewegung» schreibt Rudolf Steiner in sein Notizbuch. Involution und Evolution sind der Grundprozeß jeglicher Entwicklung. Dies zeigt das ‹Goetheanum›-Zeichen von 1921. Gestaltung verlebendigen Wickelt man hingegen die fünf Formen des ‹Goetheanum›-Zeichens aus, kommt man weg von der Fläche, hin zur Linie. Das bedeutet, daß im beschriebenen Prozeß das Zeichen Rudolf Steiners auf der höchsten gestalthaltenden Stufe steht. Geht man darüber hinaus, verflüchtigt sich die Form, geht man darunter, kommt man zur Dichte. Das Zeichen ist sozusagen eine fünfteilige ‹Blüte›, die, wenn sie sich zum Samen in der Gesetzmäßigkeit des Wirbels ballt, zu Dreiecken wird. Diese bilden wiederum die geistige Struktur des Pentagramms, des Pentagons und im Raum die des Pentagondodekaeders. Auf die Frage, was das ‹Goetheanum›-Zeichen darstelle, soll Rudolf Steiner geantwortet haben, daß es sich nur voll erschließe, wenn man es umgekehrt anschaue.2 Manche sehen den Weltenhumor. Näher ist die Verwandtschaft mit Ahriman, Inspirator der ‹Schwarzen Kunst›. Rudolf Steiners Entwürfe für ‹Das Goetheanum› sind ‹Schulungsskizzen› für Grafiker; sie sind ein Lehrbeispiel für Entwicklungsreihen. Warum macht er das? Man könnte es heute unter dem Gesichtspunkt beurteilen, daß er damals noch nicht wußte, wie wichtig ein einheitliches Erscheinungsbild mit einem Logo ist. Seine wenigen grafischen Entwürfe zu diesem Thema sprechen aber eine ganz andere Sprache, denn Rudolf Steiner entwirft das Zeichen für die Anthroposophische Gesellschaft und für die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft jeweils in zwei Versionen. Zusammen mit dem Zeichen für den Zweig am Goetheanum ergibt sich ein gestalterischer Zusammenhang, der vom Spreizen zum Ballen führt. Für die ‹Weleda› entwirft er ebenfalls Zeichen in verschiedenen grafischen Ausprägungen. Lernen kann man daraus, daß es auf das kräftige, individuell gestaltete Zeichen sehr wohl ankommt, es aber nicht der Stempel (das ‹Branding›) sein muß, sondern in erster Linie die künstlerische Gestaltung und die Individualisierung durch die Kunst das Wichtigste ist. ![]() Die Neugestaltung: No Logo! Was aber bedeutet das konkret? Es bedeutet, daß, ausgehend vom Entwurf Rudolf Steiners, eine Gestaltungsreihe entwickelt wurde, die zum einen die Bedürfnisse eines modernen Zeitungskopfes erfüllt und zum anderen den wesenhaften Charakter der Urgestaltung aufnimmt und metamorphosiert. Konsequent weitergedacht, bedeutet es auch, daß man daher nicht nur einen einzigen Entwurf haben kann, sondern mehrere braucht. Also mußten die notwendigen, aus der Urform abgeleiteten und inhaltlich folgerichtigen Zeichengestaltungen entworfen werden. Ab Pfingsten 2005 wird ‹Das Goetheanum› jede Woche mit einem anderen Zeichen erscheinen. In drei Entwicklungsstadien werden 21 Gestaltungsschritte für die ‹Goetheanum›-Bildmarke gezeigt: erstens das Einwickeln und Verdichten bis zum ‹Samen›; zweitens das Durch-die-Nacht-Gehen und anschließend das Auswickeln zurück zur ‹Blüte›. Der Schritt zu einem ‹lebendigen› Zeitungskopf bedeutet auch, daß sich Herausgeber und Redaktion für diese Idee und gegen alle gewohnten Normen der Gestaltung und Usancen entscheiden mußten: nicht nur die der Zeitungsbranche, sondern auch gegen die herrschende Meinung, daß man heute immer mit der gleichen visuellen Stempel-Botschaft aufzutreten hat. Natürlich bedeutet eine solche Gestaltung viel mehr Arbeit, viel mehr Aufmerksamkeit und viel mehr Mühe. Aber auch das ist Teil der Gesamtgestaltung. Es schärft das Bewußtsein für die Zeitgestalt des ‹Goetheanums› und lullt den Leser nicht ein, denn er muß sich jede Woche mit einem neuen Bild auseinandersetzen. Gewohnheit, Routine und Sehbequemlichkeit werden wöchentlich aufs neue in Frage gestellt. Karl Lierl |


